| "Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die
Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für
sie in Haftung genommen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt,
wird blind für die Gegenwart. Wenn wir uns daran erinnern, wie rassisch,
religiös und politisch Verfolgte, die vom sicheren Tod bedroht waren,
oft vor geschlossenen Grenzen anderer Staaten standen, werden wir vor denen,
die heute wirklich verfolgt sind und bei uns Schutz suchen, die Tür
nicht verschließen. Wenn wir uns der Verfolgung des freien Geistes
während der Diktatur besinnen, werden wir die Freiheit jedes Gedankens
und jeder Kritik schützen, so sehr sie sich auch gegen uns selbst
richten mag. Bei uns ist eine neue Generation in die politische Verantwortung
hereingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was
damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte
daraus wird. Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht
hineintreiben in Feindschaft und Haß gegen andere Menschen, gegen
Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative
oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander
zu leben, nicht gegeneinander."
(Aus: Ansprache des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker
im Plenarsaal des Deutschen Bundestages anläßlich des 40. Jahrestages
der Beendigung des Zweiten Weltkrieges; Bonn, den 8.5.1985)
|